Armenien 2001
Eine Kultur- und Bildungsreise

Ja wie könnt ihr nur nach Armenien reisen? Ist das nicht zu gefährlich? Die wenigsten wissen überhaupt, wo dieses Armenien liegt. Die meisten verwechseln es mit Rumänien. Unser Apotheker siedelte es gar in Afrika an. Ja warum reisten wir nach diesem wilden und unbekanntem Armenien? Im weitesten Sinn war natürlich schon auch meine Laufsucht und das Marathonlaufen schuld. Im Jahr 1992 besuchte uns ja für zehn Tage unser armenischer Marathonfreund Ruben. Wir hatten schon einen Gegenbesuch geplant. Mit der Bahn nach Kiew und weiter nach Mineralnyye Vody im Baksantal am Fuße des Elbrus. Von hier mit dem Bus, vermutlich sehr abenteuerlich, unter Rubens Führung, über den großen Kaukasus nach Eriwan der Hauptstadt Armeniens und weiter nach Edzmiadzin, der Stadt mit dem Sitz des Katholikos, zu Rubens Heimat. Dummerweise oder auch glücklicherweise vorher, sprengten die Georgier eine wichtige Brücke, die wir passiert hätten, in die Luft. Dann kam es zur Unabhängikeitserklärung Armeniens, den Kämpfen um Berg Karabach, Armenien gegen Azerbaijan und zur Blockade. Auf alle Fälle riß der Kontakt zu Ruhen vollständig ab.

Einer Eingebung folgend "surfte" ich im Internet nach Armenien, fand die "Deutsch-Armenische Freundschaft Ararat" und nahm Verbindung zu Josef Jaschke, dem Leiter in Deutschland, auf. Er hatte schon zweimal eine Reisegruppe organisiert und sie in sein geliebtes Armenien geführt. Als ich aus einem Telefongespräch mit ihm erfuhr, dass er schon den Marathon in Berlin mitgelaufen ist, war ich natürlich sofort Feuer und Flamme für die von ihm geplante Reise. Was sollte bei einem Marathonie schon schief gehen? Leni und ich wußten aber noch nicht, mit welch erlesenem Kreis an Wissenschaftlern und Gelehrten wir da reisen würden. Professoren und Doktoren, Lehrstuhlinhaber an Universitäten, Leiter von Rechenzentren usw. Soviel Bildung auf einem Haufen. Geologen, Theologen, Philologen, Botaniker, Mathematiker, Informatiker, Mediziner, Astronomen und Wirtschaftswissenschaftler. Die Gruppe Jaschke bestand aus 22 Teilnehmern. Es schloss sich uns noch eine Gruppe mit 8 Teilnehmern des Reisebüros "ecc" an. Alles erfahrene Reiseorganisatoren, die den Armenienbesuch als Informationsreise gebucht hatten, um selber einmal einer Gruppe Armenien zu zeigen.

Und wo liegt nun Armenien? Zwischen dem Schwarzem und dem Kaspischem Meer im kleinen oder Transkaukasus. Nimmt man als Grenze Europa-Asien die Verbindung Schwarzes Meer-Kaspisches Meer über den hohen Kaukasus und den Elbrus, so liegt Armenien unterhalb, in Vorderasien. Die Hauptstadt Erewan liegt auf 44,5' östlicher Länge und 40,2' nördlicher Breite (Tölz 11,56' ö.L., 47,8' n.B.). Nach Auslegung der Krankenkasse und nach dem Beitrittswillen der Armenier zur EU liegt Armenien angeblich aber noch in Europa. Da kenn sich einer aus. Armenien hat eine Fläche von 29 800 km2. Größte Länge (NW-SO) ca. 350 km, größte Breite (SW-NO) ca. 175 km. Armenien liegt 700 bis 4.090 m (Aragaz) ü. NN. Man unterscheidet fünf Vegetationszonen: Wüste und Halbwüste, Trockensteppe, Gebirgssteppe, Gebirgswald und die subalpine Zone. Sommerliche Höchsttemperatur in der Araratebene 420 C im Schatten. Winterliche Tiefsttemperatur im Nordwesten -460 C. Sonnenstunden 2.700 /Jahr (Tölz 1.600/Jahr). Niederschläge weit unter 1000 mm/m2Jahr (Tölz 1400 mm/m2Jahr). Auf Grund seiner gebirgigen Beschaffenheit und den extremen Klimaverhältnissen ist nur 1/3 des Landes bewohnbar.

Schätzungsweise leben 3,7 Mio. Einwohner im Land, davon 1,3 Mio. in Erewan. Genaue Zahlen sind nach der großen Abwanderung nicht mehr zu erfahren. Die Kommunen haben den Überblick gänzlich verloren. Armenien gehört zu den 14 ärmsten Ländern der Erde. Pro-Kopf-Einkommen im Schnitt 38 Dollar/Monat, Rentner 5 bis 6 Dollar/Monat. 50 Dollar/Monat wären notwendig. 80% der Bevölkerung leben in Armut, davon 40% in vollkommener Armut, das heißt, dass ihnen nicht einmal eine Nahrungsmenge von 2100 kcal/ Tag zur Verfügung steht.

Die Geschichte des Landes reicht über 3500 Jahre zurück. Erste Erwähnung Armeniens 518 v. Chr.. Es reichte einmal vom Kaspischen- bis zum Schwarzen- und ein Zipfel sogar bis zum Mittelmeer. Mit drei großen Seen dem Sevan See -Süßwasser-, dem Van See -Salzwasser- und dem Rezeyen See -Lauge-. Die höchsten Berge waren der Ararat mit 5165 m und der Aragaz 4090 m. 1915 geschah der große Völkermord durch die Türken. Über 1,5 Millionen Armenier wurden von den Türken ermordet. Die anderen Völker sahen zu, ohne etwas zu unternehmen. Damals genau so wie heute. Die Juden wollen gar am liebsten den Genozid an den Armeniern aus den Geschichtsbüchern streichen. Nur der Völkermord an den Juden durch die verhaßten Deutschen soll in alle Ewigkeit nicht veressen werden. Ein Monopol auf den Genozid. Makaber. Was ist dem geschundenen Volk der Armenier nach der Ausrottung geblieben? Nur noch der Sevan See, größter Süßwassersee der Erde, und der Aragaz. Der Ararat, der Berg Noah's, wo die Arche gestrandet ist, ihr heiliger Berg, verloren. Im Wappen Armeniens lebt er weiter. Ein Ärgernis für die Türken, da sie ja glauben, der Ararat gehört ihnen und nicht den Armeniern. Sie haben ja auch den Halbmond in ihrem Wappen und der gehört ja auch nicht ihnen, so der armenische Präsident.

Die Apostel Bartholomäus und Judas Thaddeus brachten die Lehre Jesu nach Armenien. Darum apostolische Kirche. Im Jahr 301 heilte oder "erleuchtete" Gregor der Erleuchter König Trdat III und König Trdat III führte den Christlichen Glauben als Staatsreligion ein. Kaiser Konstantin in Rom erst 313. Damit ist Armenien das erste christliche Land der Erde. Heuer wird die 1700 jährige Wiederkehr gefeiert. Gregor der Erleuchtet war der erste "Katholikos" aller Armenier. Vergleichbar mit dem Papst, dem Oberhaupt der katholischen Kirche, in Rom.

Seit 20.10.1991 ist Armenien eine souveräne Republik, nachdem 94% der wahlberechtigten Armenier in einem Referendum den Austritt aus der UdSSR beschlossen. Die russische Armee hat aber immer noch das Sagen an der armenisch-türkischen Grenze in der Araratebene.

Unser, von Josef Jaschke sorgfältig und grandios aufgestellter Reiseplan, den wir tatsächlich exakt, aber ohne Hetze, einhielten, der Wahnsinn. So eine Marathonreise, wie ich sie gewohnt war, ist dagegen eine Lappalie. Es war praktisch jeden Tag ein Ultramarathon. Eine kurze Zusammenfassung: 4x Museumsbesuche, 23x Kirchen und Klöster, 10x Tempel, Ruinen, Kreuzsteine, Ausgrabungen, 3x Folklore, im Deutschen Kulturzentrum, im Club der Freunde der deutschen Sprache, in der wissenschaftlichen Bibliothek (Matenadaran), Besichtigungen: Steinmetzbetrieb, Weinkellerei und Ökobauer und noch diverse Denkmäler, Gedenkstätten, Märkte und Parks. Das alles in vierzehn Tagen. Uns war es komischerweise nie zu viel. Der erste Eindruck von den Menschen in Eriwan: sauber gekleidet, schöne Menschen, Mädchen wie Männer, freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Bei näherer Bekanntschaft erfährt man die fast grenzenlose Gastfreundschaft. Trotz ihrer Armut haben sie ihre Würde und ihren Stolz bewahrt. So nehmen sie ohne Gegengeschenke keine Geschenke an. Sie bemühen sich um das Unmögliche, nur um den Gast zufrieden zu stellen. Wenn wir um halb acht frühstücken wollten, das Wasser aber immer erst um acht Uhr aufgedreht wurde, versprachen sie uns dennoch das Frühstück, nur um uns ja nicht zu enttäuschen. In Vajk kauften sie für uns Gäste extra noch neue Handtücher. Zur ersten Wäsche blieb keine Zeit, oder es lief wieder mal kein Wasser. Leider färbten die Handtücher brutal ab. Grüne, blaue und rote Gäste saßen am Frühstückstisch. Der Wille geht vorm Werk.

Das Essen nach unserem Geschmack. Sehr aufwendige Zubereitung durch die Hausfrau bzw. Köche. Zur Vorspeise alle möglichen Salate, jede Menge frischer Kräuter, salzigen Käse, scharf gewürzte Fleisch- oder Wurstscheibchen luftgetrocknet, ungewohnte Joghurt- oder Sauermilchsuppen oder Suppen mit Graupen-, Reis- oder Hammelfleischeinlagen. Beliebtes Hauptgericht: Hackfleisch mit Reis in Weinblättern. Rind-, Schweine-, Hammel- oder Hühnerfleisch mit gebackenen Tomaten, Auberginen oder Paprikaschoten. Dazu immer reichlich Lawasch, Brot aus papierdünnen Fladen in Tonöfen gebacken. Zum Nachtisch immer der Jahreszeit entsprechend Obst. Was wird dazu getrunken? Mineralwasser, Brunnenwasser, gutes armenisches Bier, fruchtiger armenischer Wein oder gar der berühmte ölige armenische Kognak. Auf keinen Fall sollte auf eine Tasse bekömmlichen Mokka "surdsch" (niemals türkischen verlangen, große Beleidigung) verzichtet werden.

Wer ein Land verstehen will, der kommt um Museumsbesuche nicht umhin. Das historische Museum ein Muß. Das Museum der Kinderkunst mit Arbeiten von 3 bis 16 jährigen Kindern aus 95 Ländern genießt Weltruf und berührt tief unser Herz. Auch ein Besuch im Paradjanof-Museum (Regisseur vieler Filme, 1924-1990) darf nicht fehlen. Zwei Tage vor uns besuchte der russische Staatspräsident Putin ebenfalls dieses Museum, und der Direktor war gerade dabei, das noch feuchte Foto, das ihn mit Putin und noch ein paar Präsidenten zeigte, an der Wand aufzuhängen.

In diesen 14 Tagen bereisten wir nicht weniger als 33 Kirchen, Klöster, Tempel und Ruinen, Gräberfelder mit Kreuzsteinen und Ausgrabungen. Das ganze Land ein Freiluft-Kulturmuseum. Da waren die Gelehrten in ihrem Element. Stundenlang konnte über einen Stein mit Loch palavert werden. Geologische, astronomische und theologische Deutung. Dafür war ich ihnen im Kopfrechnen überlegen. Das eingesammelte Geld für die Picknicks stimmte nie. Erst die Aufteilung des Trinkgeldes bei der abendlichen Flasche Wein. Ein Drama.

Die Reisen zu diesen historischen Stätten waren teilweise mehr als abenteuerlich. Unser Busfahrer Spartak hatte natürlich seinen Mechaniker Aram immer dabei. Keilriemenriß, Öl- und Kühlwasserverlust, da waren Arams Improvisationskünste gefragt. Schlechte und schlechteste Straßen, da waren Spartaks Fahrkünste gefragt. Spartak ein Engel, wir schwebten wie von Engeln getragen dahin. Nur einmal war ein Graben quer zur Straße so tief, dass wir aussteigen und den Bus schieben mußten.

Alle Fahrten durch grandiose und wildeste Urlandschaften. Dank- unseres Geologen erfuhren wir jede Menge über die Entstehungsgeschichte der Landschaftsformen und die geologischen Zusammenhänge, über die Entstehung der Gebirge im späten Tertiär, vor 1,5 Mio. bis 600 000 Jahren, über den Vulkanismus und die Erosionserscheinungen, über Basalte und Basaltsäulen, den vielfarbigen, leicht zu bearbeitenden und zu den Kirchenbauten verwendeten vulkanischen Tuffen und über das Obsidian, dem natürlichen Gesteinsglas, einem Halbedelstein. 7000 Jahre v. Chr. ist schon altsteinzeitlicher Obsidianhandel nachgewiesen.

Ja und wären da nicht unsere Botaniker gewesen, so hätte es viel weniger Fotostops gegeben. Einfach überwältigend die Flora Armeniens. So was hätte ich mir nie träumen lassen. Was wir da alles über Pflanzen und Gräser erfuhren und welche Freude wir daran hatten. Ein Beispiel unter vielen und für mich völlig, neu, dass der in riesigen Feldern blühende gefleckte rote Mohn eine Zeigepflanze ist und die Stärke und Anzahl der Flecken auf das Vorhandensein des Edelminerals Molybdän hinweist.

Für die Fauna hatten wir leider keinen Spezialisten dabei. Es soll ja noch Braunbären und in den wilden Felsschluchten Leoparden geben. Steinadler bekamen wir tatsächlich zu sehen. Das Dorf mit den hundert brütenden Storchenpaaren war natürlich auch einen Fotostop wert.

Einen "Ökolandwirt" haben wir in der Araratebene auch "heimgesucht". Warum er mit 50 Jahren zum "Aussteiger" wurde und gerade nach Armenien auswanderte, wurde uns nicht ganz klar. Ein richtiger Rackerer. Ein Bauer durch und durch. Er könnte genau so gut einer aus unserem Dorf sein. Was er den Gelehrten so alles erzählte? Ich hielt mich da zurück und schmunzelte innerlich. Die Brotzeit bei ihm, prima. Das von seiner jungen armenischen Frau zubereitete Eis köstlich. Wer lieferte da das Rezept?

Den größten Eindruck auf mich hinterließ fast die wissenschaftliche Bibliothek alter armenischer Manuskripte, der Matenadaran. Er birgt die kostbarsten geistigen Schätze des armenischen Volkes. Es handelt sich um kirchliche und weltliche Texte aller Wissensgebiete. Um Übersetzungen antiker und mittelalterlicher Texte in die armenische Sprache und Schrift ("die Wildkatze unter den Sprachen"). Die Originalfassungen von Werken des Aristoteles, Eusebius von Cäsarea u.A. sind z. T. nur noch in armenisch vorhanden. Ein Privileg der besonderen Art war, dass wir bei der Reparatur dieser unsagbaren Schätze zuschauen durften.

Jetzt könnte ich mich noch über die Begegnung mit armenischen Freunden im deutschen Kulturzentrum und beim Club der Freunde der deutschen Sprache auslassen. Einfach bewegend. Man kann so etwas nicht richtig beschreiben.

Fast hätte ich noch den Pfingstgottesdienst in der Kathedrale von Etschmiadsin vergessen. Wie da der Katholikos mit seinem ganzen geistlichen Gefolge eingezogen ist, erlebten wir hautnah. Kein Priestermangel in Armenien. Der Katholikos ein überaus sympathischer Mann.

Alles in allem, diese Reise ersetzte ein ganzes Semester auf der Universität. 14 Tage dauerte die Reise, 14 Monate oder länger dauert es, bis wir alles verarbeitet haben.

Wenn der eine oder andere von euch auf den Geschmack gekommen ist, Leni und ich werden ihm schon weiter helfen. Da gibt es aber auch noch den Josef Jaschke und seine liebe Frau, denen wir für diese unwiederbringlichen Erlebnisse noch ganz. ganz herzlich danken möchten.

Ja und wie ist es mit dem Marathonlaufen in Erewan? Zwei Tage vor der Abreise bekamen wir eine E-mail, dass unser Freund Ruhen nach Rußland ausgewandert und der Präsident des Laufclubs leider verstorben ist.

Die Armenier haben zur Zeit andere Sorgen als das Marathonlaufen. Das mit dem Laufen müßte man glatt selber organisieren.

Das nächste Mal, wenn wir nach Armenien reisen, werden wir diese Wildnis erwandern. Das verspricht Abenteuer pur. Einheimische deutsch sprechende Führer sind unter den Studenten ganz sicher aufzutreiben.

Irgendwie müßte man dann auch an noch vorhandene erstklassige russische Armeekarten kommen.
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