Brief aus der Waldorfschule Eriwan

Liebe Freunde des Vereins Ararat!


Das Kollegium der Waldorfschule in Yerevan bedankt sich bei Ihnen ganz herzlich für Ihre vieljährige Hilfe. Ohne diese Hilfe wäre unsere Arbeit in all diesen schwierigen Jahren unmöglich und die Entwicklung der Waldorfpädagogik in Armenien dann in Frage gestellt gewesen.

Wir möchten hier kurz die heutige Lage unserer Schule beschreiben. Unsere Waldorfklassen haben offiziell immer noch den experimentellen Status als Teil einer staatlichen Schule (N29). Es ist noch nicht ganz klar, welchen Status unsere Waldorfklassen im nächsten Schuljahr haben werden. Zur Zeit haben wir in der Schule 10 Klassen und über 260 Schüler. Uns stehen 12 Räume im neuen Flügel des Schulgebäudes zur Verfügung (10 Klassenräume, 1 Eurythmieraum und 1 Raum für Handarbeit). Die Klassenräume sind etwa 42 m2 groß. In der Schule sind 31 Lehrer beschäftigt, von denen 24 Waldorflehrer und die anderen 7 eingeladene Fachlehrer sind.

Seit einem Jahr wird die Höhe des Gehalts eines Lehrers (außer dem der eingeladenen Lehrer, die nur wenige Stunden unterrichten), unter Berücksichtigung folgender Prinzipien von jedem Lehrer selber frei bestimmt:

1.   Größe der Familie
2.   Wie viele Familienmitglieder des Lehrers außer ihm selber haben Arbeit, wie viele sind arbeitslos, arbeitsunfähig oder Rentner
3.   Andere Finanzierungsquellen der Familie (z. B. zweite oder dritte Arbeitsstelle, Verwandte oder Freunde im Ausland, wohlhabende Eltern, die regelmäßig helfen u.s.w.)
4.   Besondere Umstände (z. B. schwerkranke Familienmitglieder, Schwerbehinderte in der Familie usw.)
5.   Umfang der Beschäftigung in der Schule (Unterrichtsstunden pro Woche, Teilnahme an den organisatorischen Arbeiten in Arbeitskreisen, Delegationen usw.).
6.   Vergleich der eigenen Situation mit der Situation der anderen Lehrer, also Rücksichtnahme auf die Lage der Kollegen
7.   Einstellung auf ein möglichst bescheidenes Niveau

Alle 3 Monate darf jeder Lehrer einen neuen Antrag stellen, falls sich die Lage bei ihm persönlich oder insgesamt im Lande in der einen oder anderen Richtung ändert. Die Finanzkommission der Schule muß diesen Antrag bearbeiten.

Diese Form des Umgangs mit den Finanzen hat sich als gut erwiesen. Einerseits kann keiner der Lehrer mit der von ihm selbst gewählten Gehaltsgröße unzufrieden sein (eine Unzufriedenheit kann in diesem Fall nur die allgemeine Finanzlage der Schule betreffen, was schon eher eine soziale Ebene ist, aber keine persönliche); andererseits würde eine starke Abweichung von den genannten Prinzipien viel zu sehr ins Auge springen. Unsere Schule ist heute die einzige Institution in Armenien, die im Finanzbereich die oben genannten Prinzipien praktisch anwendet.

Die Summe der Gehälter für alle 31 Lehrer beträgt 3.515 €/Monat, hinzu kommen 100 €/Monat für Verwaltungskosten. Die Gehaltshöhe schwankt von 50 bis 250 €, wobei sie durchschnittlich 116 € ausmacht. Ehrlich gesagt reicht dieser Betrag nicht einmal für eine Person aus. Diese Lage zwingt die meisten Lehrer, eine zweite oder gar dritte Arbeitsstelle zu suchen. So sind 3 von 8 Klassenlehrern, 2 von 4 Klassenkuratoren und 6 von 12 Fachlehrern gezwungen, außerhalb ihrer Tätigkeit in der Schule zusätzlich zu arbeiten. Andere haben Verwandte im Ausland oder werden von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern wesentlich unterstützt. Sonst wäre das Ganze nicht zu tragen.

Darüber hinaus werden Mittel für verschiedene spezielle Aufgaben benötigt, die der materiellen Unterstützung des pädagogischen Prozesses dienen. Da die staatliche Versorgung der Schulen heute sehr kärglich ist und die Schulen fast keine Sach- und Unterrichtsmittel erhalten, sind wir gezwungen, einen empfindlichen Teil der uns zur Verfügung stehenden Geldmittel für diese Zwecke auszugeben, zum Beispiel für den Chemieunterricht. Um alle Chemie-Epochen mit Versuchen durchführen zu können, braucht die Schule jährlich etwa 450 - 500 € für Reaktive und chemisches Zubehör. Manche Dinge müssen in Deutschland gekauft werden, z.B. Wachsstifte oder farbige Kreide von guter Qualität, die in Armenien oft nicht zu finden sind, Flöten für die Unterstufe usw. Wenn keine dafür bestimmte Spende gefunden wird, müssen wir dann die entsprechenden Geldmittel vom “Ararat”-Konto abheben, das eigentlich für die Lehrergehälter dringend benötigt wird.

Das Kollegium ist sich dessen bewußt, daß die Schule mit einer allumfassenden Hilfe aus den westlichen Ländern bzw. aus Deutschland nicht rechnen darf. Deshalb versuchen wir heute auch andere Quellen für die Finanzierung unserer Schule zu erschließen. Dabei haben wir erkannt, daß wir auch die Eltern aktiver einbeziehen müssen, was aber nicht so leicht ist, da unsere Waldorfschule heute nur ein Teil der staatlichen Schule, also nicht selbständig, ist. Die Gesetze erlauben aber den staatlichen Schulen nicht, direkt von den Eltern mehr oder weniger große Beträge zu sammeln. Diese Frage muss juristisch irgendwie gelöst werden, und wir arbeiten jetzt daran. Andererseits tragen die Eltern schon heute im vollen Umfang besondere Kosten, z.B. bei der Renovierung der Klassenräume oder Winterkosten, die durch zusätzlichen Elektrizitätsverbrauch entstehen usw. Man muß dabei auch berücksichtigen, daß die meisten Eltern zur armenischen Intelligenz gehören, die in Armenien heute in der Regel nicht reich ist.

Wir bedanken uns bei Ihnen und verbleiben mit herzlichen Grüßen,
für das Kollegium der Waldorfschule in Yerevan
Ara Atajan

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